Diese Szene ist echt heftig. Beginnt aber recht harmlos. Ein Kind ist mit seinem Vater in der Fußgängerzone in Rheine unterwegs. Nicht ungewöhnlich. Der Vater verspürt Hunger und stellt sich bei einem Bratwurststand an. In der Zeit erkundet der Filius die Umgebung, blickt neugierig in ein Schaufenster und turnt an einem großen Werbeaufsteller vor einem Geschäft herum. Auch nicht ungewöhnlich. Das Kind ist hinter dem überdimensionalen Plakat kaum zu sehen. Plötzlich läuft es zurück in Richtung des Vaters. In dem Moment schießt ein Radfahrer mit einer irren Geschwindigkeit von oben durch die Emsstraße Richtung Nepomuk-Brücke und – man kann es so beschreiben – fährt das Kind über den Haufen. Beide werden durch die Fußgängerzone geschleudert. Diese Szene kommt so unvermittelt, dass erschrockene Aufschreie im Mehrzweckraum der Kaufmännischen Schulen zu hören sind. Mit diesem Zusammenprall, aufgenommen von der Kamera eines Geschäftes, hat keiner gerechnet. Da müssen die Schülerinnen und Schüler kurz durchatmen. Diese Filmsequenz ist nur einBaustein der Verkehrssicherheitswoche und führt eindringlich vor Augen, dass sich ein Leben in Sekundenbruchteilen ändern – oder sogar ausgelöscht – werden kann.
Das verdeutlichen auch die Filme mit Gesprächen von Angehörigen, die einen geliebten Menschen verloren haben, weil andere Verkehrsteilnehmer:innen falsch handelten. „Der Unfallverursacher hat eine zeitlich begrenzte Strafe bekommen“, sagt eine Frau. „Wir leiden lebenslang.“ Das geht unter die Haut. Ebenso bedrückend: Das Interview mit einem Ehepaar aus Borken, das seinen Sohn bei einem Unfall verloren hat, verursacht von einem rücksichtslosen Raser. Für die Eltern besonders belastend: Er entfernte sich vom Unfallort, ohne zu helfen. Bis heute ist er nicht gefasst.
Die beiden Polizei-Hauptkommissare Andreas Kröger und Markus Tappe sind Verkehrssicherheitsberater bei der Kreispolizeibehörde Steinfurt, nicht zum ersten Mal in den Kaufmännischen Schulen zu Gast und wissen ganz genau: Mit dem erhobenen Zeigefinger brauchen sie den Schülerinnen und Schülern nicht zu kommen. Dann hören die Jugendlichen und jungen Erwachsenen sofort weg. Stattdessen präsentieren sie Fakten. „Wenn ein Toter im Straßenverkehr zu beklagen ist“, sagt Kröger, „dann haben sie 100 Opfer.“ Fragende Gesichter. „Überlegen Sie mal, wie viele Menschen betroffen sind: Familie, Freunde, Arbeitskollegen, Sportkameraden, Mitschüler, Nachbarn. Die Liste der Trauernden ist immer lang.“ So haben viele das noch gar nicht gesehen.
Die Verkehrssicherheitswoche der Kaufmännischen Schulen spricht vor allem die Gruppe der 18-24-Jährigen an, die im Straßenverkehr besonders gefährdet sind: „Sie machen 8,1 Prozent der Bevölkerung aus, verursachen aber 20 Prozent der schweren Verkehrsunfälle“, nennt Kröger Belege. „In NRW verunglückt alle 46 Minuten jemand aus dieser Gruppe.“ Also in jeder Schulstunde eine oder einer. Auch aus diesem Grund ist die Verkehrssicherheitswoche ein fester Bestandteil des schulischen Angebotes. „Wir erreichen in diesen fünf Tagen immerhin knapp 900 Schülerinnen und Schüler“, sagt Lehrer Thomas Miethe, der die Veranstaltung in jedem Jahr organisiert.

Der quitschgelbe E-Scooter zieht die Blicke im Mehrzweckraum auf sich: Die Beamten Andreas Kröger (li.) und Markus Tappe geben Hinweise für das sichere Fahren, aufmerksam hört auch Thomas Miethe (sitzend, li. neben Kröger) zu, der in jedem Jahr die Verkehrssicherheitswochen organisiert.
Die Themenpalette ist breit und reicht von den Folgen unangepasster Geschwindigkeit über die Ablenkung durch das Handy am Lenkrad bis hin zu den Themen Drogen und Autorennen. Ein besonderes Augenmerk richten die Beamten auf das Anfertigen und Verbreiten von Unfallbildern und -opfern durch Gaffer. „Das ist ein Straftatbestand und wird mittlerweile hart geahndet“, warnt Tappe.
Ein Schwerpunkt der Beamten ist dieses Jahr das Gespräch über die Nutzung von Gefährten mit der sperrigen Bezeichnung: Elektrokleinstfahrzeuge. Diese E-Scooter sind klein, machen aber große Sorgen: „Die Zahl der Unfälle steigt stetig an“, lautet das Fazit von Markus Tappe. Die Zahl der Scooter-Unfälle mit Verletzten ist im Kreis Steinfurt von 22 in 2024 auf 51 im vergangenen Jahr gestiegen. Aufklärung ist daher wichtig, die Schülerinnen und Schüler erhalten vielfältige Informationen über den verantwortungsbewussten Umgang mit diesen „Rollern“. Und auch der Gesetzgeber versucht die Sicherheit weiter zu steigern: „Ab 2027 werden E-Scooter mit Blinkern ausgestattet“, blickt Tappe voraus.
Deutlich wird auch dieses Jahr: die „Doppelstunde Verkehrssicherheit“ an den Kaufmännischen Schulen ist eine gute Investition in die Sicherheit der Schülerinnen und Schüler. „Bitte hören Sie nicht auf über dieses Thema zu berichten“, sagt eine Frau in einem der bedrückenden Film-Interviews. Die Kaufmännischen Schulen jedenfalls werden diesem Wunsch auch künftig gerne nachkommen.


