Bundesbeauftragte Kerstin Claus besucht Projekttag gegen sexuellen Missbrauch an den Kaufmännischen Schulen Rheine
„Es passiert. Morgens. Mittags. Jetzt.“ Die Worte hängen in der Luft – beklemmend, bedrohlich und erschreckend real. Amanda und Lana lassen das Gesagte wirken. Die beiden Moderatorinnen stehen vorne im Klassenraum, vor ihren Mitschülerinnen und -schülern, Lehrkräften und Gästen. Es ist mucksmäuschenstill. Nach diesem Einstieg rechnet hier niemand mit leichter Kost.
An den Kaufmännischen Schulen Rheine findet ein Projekttag statt, gestaltet von den Oberstufenschülerinnen und -schülern der Höheren Handelsschule im Projektkurs „Gegen Kindesmissbrauch“. Ein Kurs, der hier längst nicht nur als klassisches Unterrichtsformat verstanden wird, sondern als über Jahre gewachsenes Engagement. Seit fast zwei Jahrzehnten arbeitet Lehrer Dieter Tebbe kontinuierlich an diesem Thema. Sein „Herzensprojekt“, von den Schülerinnen und Schülern freiwillig wählbar. Ein Angebot, das bewusst für Aufklärung, Prävention und Offenheit wirbt.
Anlass des Projekttages ist die Eröffnung einer Dauerausstellung im Schulgebäude. In einer groß angelegten, über mehrere Jahre gewachsenen Galerie machen die Schülerinnen und Schüler die unterschiedlichen Formen von Grenzüberschreitung und Missbrauch sichtbar. Nicht abstrakt, sondern bewusst nah an der Lebenswelt: Sogenanntes „Catcalling“ oder das Versenden unerwünschter Bilder, aber auch Berichte Betroffener stehen nebeneinander. Ein roter Faden ist erkennbar: Selten beginnen die Übergriffe plötzlich, sie entwickeln sich oft schleichend, sind umso perfider.
Schulleiter Tobias Raue leitet daraus einen klaren Auftrag ab: „Dieses Thema ist da – und wir gehen aktiv damit um. Wir sehen hin. Und wir bieten Unterstützung.“ Er hebt das Engagement der Schülerschaft und von Lehrer Tebbe hervor: „Mit der Ausstellung und dem Informationsangebot schaffen wir Räume für Aufklärung, für Austausch und für Orientierung.“
Dass diese Haltung weit über die Schule hinaus wahrgenommen wird, zeigt der Besuch eines hochrangigen Gastes: Kerstin Claus, Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, nimmt an dem Projekttag teil. Im Rahmen ihrer Deutschlandreise macht sie Station an den Kaufmännischen Schulen, besucht den Kurs und die Ausstellung, der sie extra ein Grußwort gewidmet hat.
Doch Kerstin Claus beteiligt sich nicht nur als Ehrengast – sie sucht aktiv den Austausch, wird in Gespräche einbezogen. Aufmerksam, sensibel und nahbar geht sie auf die Fragen der Schülerinnen und Schüler ein, reagiert auf das, was sie berichten, und gibt Einblicke in ihre eigene Arbeit. Es sei „beeindruckend“, mit welch immenser Motivation sich junge Menschen hier engagierten, um Missbrauch sichtbar zu machen und Betroffenen eine Stimme zu geben, betont sie. Auch bei der Besichtigung der Ausstellung nimmt sie sich Zeit, fragt nach, lässt sich Hintergründe erklären und schildert zugleich ihren eigenen Auftrag, als Bundesbeauftragte Ansprechpartnerin für Betroffene zu sein und eine zentrale Anlaufstelle für alle, die sich gegen sexuelle Gewalt engagieren wollen.
Wie komplex das Thema ist, wird in weiteren Gesprächsrunden deutlich, die die Schülerinnen und Schüler des Kurses im Laufe des Vormittags moderieren. Im Interview berichtet Christine Ulbrich, Leiterin des Kinderschutzbundes Rheine, von ihrer Arbeit mit Betroffenen und betont die Wichtigkeit verlässlicher Hilfsstrukturen. Zugleich verweist sie auf die gewachsene Zusammenarbeit mit den Kaufmännischen Schulen: Im Rahmen der „Schutzengel-Aktion“ haben die Schülerinnen und Schüler im vergangenen Jahr 3.000 Euro für sogenannte „Skill-Sets“ gesammelt – kleine Hilfspakete, die in belastenden Situationen dabei helfen sollen, wieder Stabilität zu finden.
Sehr persönlich wird es im Beitrag von Natalie Hatzenbühler, die als Betroffene zu Wort kommt. Sie spricht offen über Missbrauchserfahrungen in ihrer Kindheit und verdeutlicht, wie wichtig es ist, nicht zu schweigen: „Wenn ich nur einer einzigen Person durch meine Offenheit geholfen habe, habe ich etwas erreicht“, betont sie. Ihr Appell richtet sich direkt an die Anwesenden: „Seid das Umfeld!“ Ein Umfeld, das wahrnimmt, das zuhört, das trägt.
Einblicke in die Polizeiarbeit gibt Kriminaldirektor Marco Krause. Der Leiter der Ermittlungskommission „Rose“ berichtet von den Strukturen der Täter-Netzwerke im Missbrauchskomplex von Münster-Kinderhaus. Eine Visualisierung in Form eines Spinnennetzes, die der Projektkurs entwickelt hat und Teil der Ausstellung werden soll, macht die Verflechtungen sichtbar: 62 Täter und mehr als 70 bekannte Opfer – „die Dunkelziffer vermutlich um ein Vielfaches höher“, so Krause. Den Kampf gegen Missbrauch und die Verbreitung entsprechender Inhalte im Internet bezeichnet er als „Kampf gegen Windmühlen“ – angesichts enormer Datenmengen und schwer kontrollierbarer Räume wie dem Darknet. Gleichzeitig spricht er von der hohen „intrinsischen Motivation“ seiner Ermittlerteams, die Täter aufzuspüren.
Am Ende des Tages ist aus der anfänglichen Stille ein Austausch geworden. Viele Stimmen, viele Perspektiven – und ein gemeinsames Ziel: hinsehen, aufklären, handeln. Denn es passiert. Jeden Tag. Auch jetzt.

Feierliche Enthüllung: Bei ihrem Besuch an den Kaufmännischen Schulen wurde das Grußwort der Unabhängigen Bundesbeauftragten präsentiert. Es ziert fortan die Dauerausstellung im Schulgebäude.

Kerstin Claus informierte sich in der neu geschaffenen Dauerausstellung, ließ sich Hintergründe erklären und tauschte sich mit Schülerinnen, Schülern und Lehrer Dieter Tebbe aus.

„Danke, dass ihr darüber informiert“: Die Unabhängige Bundesbeauftragte zeigte sich – nicht nur in ihrem Grußwort – beeindruckt vom Projektkurs der Kaufmännischen Schulen, der für Aufklärung, Offenheit und Prävention steht.

Kriminaldirektor Marco Krause berichtete über die Strukturen von Täter-Netzwerken.

Zum Abschluss versammelten sich die Teilnehmenden des Projektkurses „Gegen Kindesmissbrauch“ mit ihren Gästen zum Gruppenfoto.


